BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Fraktion BVV Pankow

Fraktionsvorsitzender Oliver Jütting hält Laudatio beim ersten Frauenpreis Pankow

Die erste Preisträgerin des neugeschaffenen Pankower Frauenpreises heißt Renate Laurentius. Bei der Preisverleihung am 28. Februar im Rathaus Pankow beschrieb Oliver Jütting in seiner Rede, warum (auch zu sehen auf Youtube):

"Renate Laurentius hat sich jahrzehntelang für die Belange von Frauen, insbesondere in Ostdeutschland und Osteuropa, eingesetzt.

Früh erkannte sie nach den friedlichen Revolutionen und dem Systemzusammenbruch in Osteuropa, welche dramatischen Umwälzungen das für Frauen bedeutete. Gemeinsam mit anderen ergriff sie zwei Initiativen, die genau auf diese neue Situation reagierten.

1992 gründete sie mit anderen das Ost-West-Europäische Frauennetzwerk, abgekürzt OWEN. Es half in Osteuropa beim Aufbau von Frauenorganisationen. Es unterstützte und vernetzte Basisgruppen. Damit leistete Renate Laurentius mit ihren Mitstreiterinnen Pionierarbeit. Denn unabhängige Frauengruppen hatte es im real existierenden Sozialismus so nicht gegeben.

Die Emanzipation der Frau wurde vom Staat als Gleichstellung im Beruf verstanden. Andere Themen fielen unter den Tisch, wie etwa die Arbeitsteilung bei Haushalts- und Kindererziehung oder die Gleichwertigkeit von Lebensmodellen jenseits der Ehe.

Schlimmer noch: Im Zuge der Transformation drohten viele der bisher staatlich verordneten Errungenschaften verloren zu gehen. Frauen wurden aus dem Beruf gedrängt, Kinderbetreuungseinrichtungen geschlossen. Weniger auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, aber in vielen osteuropäischen Ländern gewannen religiös-konservative Stimmen an Bedeutung. Sie wollten Frauen wieder in eine traditionelle Mutterrolle drängen.

Renate Laurentius und ihre Mitstreiterinnnen begriffen diese Entwicklungen weit besser als es viele Feministinnen im Westen taten. Sie entwickelten eine Vision, die heute mehr denn je aktuell ist. Sie wollten einen praxisorientierten Trialog zwischen Ost, West und Süd. Westliche Feministinnen, Frauenaktivistinnen in ehemals sozialistischen Ländern und in den Postkolonialstaaten sollten voneinander lernen.

Erfahrungen auf Augenhöhe auszutauschen, die Anderen ernst nehmen, war die Devise des Frauennetzwerks und immer auch die von Renate Laurentius.

Der Stammtisch für Unternehmerinnen und der 2004 gegründete Verein Unternehmerinnen Plus traf einen ganz anderen Nerv vieler Frauen in Ostdeutschland. Als ostdeutsche Frauen aus qualifizierten Berufen gedrängt wurden, blieb vielen oft nur die Selbstständigkeit. Andere Frauen entschieden sich dafür, weil sie es nun endlich konnten.

Aber wie führt man erfolgreich ein Unternehmen in einem auf einmal kapitalistisch gewordenen Land? Der Stammtisch war da praktische Lebenshilfe – wieder unter dem Motto: Gemeinsam lernen. Wie man erfolgreich ein Unternehmen führt, hat Renate Laurentius selbst vorgemacht – mit dem Café Canape in der Wolfshagener Straße. Dort traf sich auch der Unternehmerinnen Stammtisch.

Aber um die Bedeutung des Cafés Canape zu begreifen, muss man den anderen wichtigen Bereich des Wirkens von Renate Laurentius kennen.

Renate Laurentius ist nämlich nicht nur eine Frauenrechtlerin. Sie ist auch ein wichtiger Teil der besonderen Geschichte Pankows. Das ist die Geschichte der Opposition in der DDR.

Dazu gehörte auch der Friedenskreis der Kirchengemeinde Alt-Pankow. Dort war Renate Laurentius viele Jahre aktiv. Der Friedenskreis gründete sich 1981, als viele Menschen begannen das Wettrüsten in Ost und West zu kritisieren. Auch die Zerstörung der Umwelt war ein wichtiges Thema.

Renate Laurentius lag besonders daran, neue Ideen für eine „Friedenserziehung“ zu entwickeln. „Friedenskunde statt Wehrkunde,“ war ein Slogan der schon auf einem Fest der Alt-Pankower Kirchengemeinde im Oktober 1981 laut wurde.

Die Aktivitäten des Friedenskreises riefen bald die Stasi auf den Plan. Innerhalb von zweieinhalb Jahren wurden 16 Inoffizielle Mitarbeiter in den Friedenskreis geschleust oder unter den Mitgliedern angeworben. Die IMs beobachteten nicht nur, sondern waren beauftragt, den Kreis zu zersetzen, also Diskussionen zu torpedieren und Gerüchte in die Welt zu setzen, z.B. über die angebliche Untreue von Eheleuten.

In dieser vergifteten Atmosphäre stieß Renate Laurentius 1987 zum Pankower Friedenskreis dazu. Sie übernahm in der wohl schwierigsten Phase die Organisation der Berliner Friedenswerkstatt.

Friedenswerkstätten waren in vielen Städten Mitte der 1980er Jahre die wichtigsten Großveranstaltungen der DDR-Friedensbewegung geworden. Tausende kamen jedes Jahr in die Berliner Erlöserkirche in Lichtenberg. Doch nach 1986 sollte damit Schluss sein. Die Staatsführung drohte der Berlin-Brandenburgischen Kirchenleitung keinen Kirchentag zu genehmigen, wenn die Friedenswerkstatt nicht abgesagt würde. Die Kirchenleitung verordnete deshalb der Friedenswerkstatt eine Denkpause für 1987. Doch die Basisgruppen rebellierten.

Es kam zur Spaltung. Einige Gruppen organisierten daraufhin einen „Kirchentag von unten“. Renate Laurentius gehörte zu denen, die am Konzept der Friedenswerkstatt festhielten. Sie half, die gleichwohl viel kleinere Friedenswerkstatt im Jahr 1987 trotz des großen Konflikts auf die Beine zu stellen.

Sieben Jahre später schuf Renate Laurentius einen neuen Treffpunkt für kritische Bürgerinnen und Bürger. Im Café Canape trafen sich die alten Weggefährtinnen, Umwelt- und Friedensbewegte, Künstlerinnen und Pankower Intellektuelle, um nun das neue, völlig andere System in die Kritik zu nehmen.

Kritik an den herrschenden Verhältnissen übt Renate Laurentius bis heute. Als Fraktionsvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen freue ich mich natürlich, dass Sie, liebe Renate Laurentius, dabei auch immer Umweltinitiativen unterstützt haben – wie etwa bei Ihrem Einsatz zur Schließung des Flughafens Tegel.

Ihre Kritik hatte aber auch immer eine sehr praktische Seite. Wo Not war, haben Sie angepackt, wie etwa als eine bosnische Familie aus Tuzla mehrere Jahre im Gemeindehaus der Kirche wohnte und Sie sich um viele, ganz alltägliche, auch Nerven zehrende Dinge gekümmert haben.

Liebe Renate Laurentius, Sie haben an großen Ereignissen teilgenommen, wichtige historische Entwicklungen mitgestaltet und geprägt. Und doch taucht Ihr Name kaum in den Dokumenten und Geschichtsbüchern über die DDR-Opposition auf.

Marina Grasse und Ruth Misselwitz haben es so formuliert: „Renate zählt zu den Frauen, die nie in der ersten Reihe stehen und auch nicht stehen wollen, auf deren ständiges Tun wir aber angewiesen sind.“ Und genau darum haben Sie diesen Preis verdient. Ich hoffe, dass die beiden nicht ganz Recht haben und Sie sich mit uns freuen, dass Sie heute in jeder Hinsicht in der ersten Reihe stehen."

 



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